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Workshop zum IÖW/future-Ranking der Nachhaltigkeitsberichte 2009

Megathema Klimawandel, Berichtspflicht, Online oder Print – Welchen Weg gehen Großunternehmen in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung?

Am Donnerstag, dem 18. März 2010, hatten future e.V. – verantwortung unternehmen und das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) zur traditionellen Nachbetrachtung des IÖW/future-Rankings der Nachhaltigkeitsberichte deutscher Großunternehmen in das Alte Rathaus nach Hannover eingeladen. Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten dort die Ergebnisse des Rankings und die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung der Zukunft.

Begrüßung

Die Aufmerksamkeit für das Thema Nachhaltigkeit sei gestiegen, doch auch nach der Krise bleibe die Orientierung an der kurzfristigen Profitmaximierung ein bestimmendes Kalkül, so Yvonne Zwick vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE), in ihrer Begrüßungsrede. Das IÖW/future-Ranking, das der RNE gemeinsam mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales maßgeblich unterstützt hat, befördere durch den Wettbewerb zwischen den Berichterstattern diese Aufmerksamkeit. Dabei sei zu betonen, dass das Ranking zunächst die Transparenz von Unternehmen und nicht deren Performance in Sachen Nachhaltigkeit bewertet. Der RNE diskutiere daneben verstärkt, wie man den „echten“ Wert eines Unternehmens messen könne und setze das Thema „Finanzmarkt und Nachhaltigkeit“ ganz oben auf die Agenda seiner diesjährigen Jahrestagung.

Zentrale Ergebnisse des Rankings 2009

Dr. Udo Westermann von future e. V. gab anschließend einen Einblick in die Methodik und die Kriterien des IÖW/future-Rankings. Hierbei standen die Neuerungen im Vordergrund, die 2008 und 2009 in einem breiten Dialog mit den relevanten Akteursgruppen entwickelt worden sind. Dazu gehören neben strukturellen vor allem inhaltliche Neuentwicklungen wie die Einführung neuer Kriterien für Unternehmensführung und -kontrolle sowie Arbeitszufriedenheit und Mitarbeiterbindung. Durchgängig über alle materiellen Kriterien wurde der Managementansatz gestärkt. Neu differenziert und stärker gewichtet wurden die Kriterien zur Produktverantwortung und zur Lieferkette.

  • Vortrag von Udo Westermann (pdf)


Jana Gebauer vom IÖW präsentierte schließlich die zentralen Ergebnisse des 2009er IÖW/future-Rankings. Von den 160 Unternehmen der Grundgesamtheit gingen 60 mit einem eigenständigen Bericht in die Bewertung ein. Die Zahl der Nicht-Berichterstatter, also derjenigen Unternehmen, die nur geringfügige oder keinerlei Informationen zu den sozialen und ökologischen Aspekten ihrer Aktivitäten veröffentlichten, ist mit 40 fast identisch zum letzten Ranking. Die anderen 60 Unternehmen können zumindest auf einen Nachhaltigkeitsbericht ihrer Konzernmutter oder auch relevante Informationen im Geschäftsbericht, im Internet oder in einzelnen Broschüren verweisen.

Mit 533 Punkten liegt die Gesamtleistung des besten Berichts des IÖW/future-Rankings 2009 erneut klar über der 500er Marke. Insgesamt haben sich deutlich mehr Berichte als 2007, nämlich 13 statt 7, in die Spitzengruppe mit 450 Punkten und mehr geschoben. Die Gruppe der 19 Unternehmen, die ihren Nachhaltigkeitsbericht zugleich als Fortschrittsmitteilung zur Global-Compact-Teilnahme fassten, erzielte übrigens die besten Durchschnittsleistungen.

  • Vortrag von Jana Gebauer (pdf)


Die neu gefassten Kriterien im IÖW/future-Ranking 2009 gehen mit erhöhten Anforderungen an die Berichte einher. Die Bewertungsergebnisse zeigen, dass die Berichterstatter diesen Anforderungen gewachsen sind, da sie in fast allen Kategorien leichte Verbesserungen erzielen. Am besten werden insgesamt die allgemeinen Erwartungen an eine gute Praxis der Berichterstattung bedient, die Aspekte der Glaubwürdigkeit, der Vergleichbarkeit und der kommunikativen Qualität umfassen. Die sozialen Kriterien, die sich auf die Interessen der Beschäftigten, der KundInnen, der Lieferanten und des breiteren gesellschaftlichen Umfelds beziehen, werden trotz leichter Verbesserungen weiterhin am wenigsten gut erfüllt.

In der Diskussion stand die Frage nach der Berücksichtigung von Testaten im Ranking im Mittelpunkt. Sechzehn der im Ranking vertretenen Berichte sind extern testiert, zumeist wird eine begrenzte Sicherheit / limited assurance bescheinigt. Weitere acht Berichte sind in Teilen, z.B. einzelnen Datenblöcken wie dem carbon footprint geprüft. Die Berücksichtigung der Testate in der Rankingbewertung wurde auch bereits im online Forum zur Kriterienentwicklung kontrovers diskutiert. Diese werden als eine Option zur Stärkung der Glaubwürdigkeit des Berichtes (unter B1.5 Bewertung durch Externe) berücksichtigt, die Glaubwürdigkeit des Berichtes muss aber nicht zwangsläufig durch ein Testat belegt werden. Die Datenqualität fließt in die Bewertung der Einzelkriterien ein. Eine weitere Aufwertung der externen Prüfungen wurde angeregt.


Workshop A: Trends in der Berichtsform – Alles geht online?

Welche Möglichkeiten bietet das Internet und welche sind sinnvolle Optionen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung? Eingangs stellte Prof. Dr. Jorge Marx Gómez von der Universität Oldenburg vor, was bereits technisch möglich ist. Er benannte als Herausforderung an die Onlineberichterstattung die stärkere Einbeziehung der Stakeholder sowie eine stärkere Berücksichtigung der Bedürfnisse jener, die sich mit Berichten bislang nicht befassen würden. Ihre Erfahrungen mit dem Online-Reporting stellten Monika Focks von Tchibo sowie Jessica Ahrens und Anja Schulz von der Deutschen Bahn vor. Daraus und aus der anschließenden Diskussion ergab sich Folgendes:

Auch bei reinen Online-Berichten bleibt wohl die Frage: Wer liest sie? Eine begleitende Print-Broschüre scheine weiterhin unverzichtbar, um auf den Online-Bericht aufmerksam zu machen. Videos, aktuelle Botschaften und Nachrichten seien für manche Zielgruppen wichtig, aber letztlich nicht Bestandteil des Berichts, da dieser unterjährig nicht aktualisiert wird. Eine noch weitgehend ungelöste Frage seien die Ansprüche an die Aktualität der Daten – da Online anders als Print eine hohe Aktualität suggeriere. Hier bestehe ein Dilemma zwischen der Berichtsstatik auf der einen und Aktualitätserfordernissen des Mediums Internet auf der anderen Seite.

Kontaktformulare führten zwar zu regem Feedback, aber nützliche Hinweise und Anregungen für die Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsmanagements seien dabei eher selten. Das Führen von Blogs und Foren im Nachhaltigkeitsbericht wurde als eher schwierig und aufwändig eingeschätzt.

Von großem Nutzen sei das Online-Reporting intern, da es die Informationen für alle verfügbar und – anders als ein Printbericht oder ein PDF – leichter nutzbar macht. Das von Prof. Gómez angesprochene „Customized Reporting“ sahen viele sowohl aus interner, als auch teilweise aus Nutzersicht eher skeptisch. Zudem seien die Strukturen und Datenerfassungssysteme in den Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit noch nicht so weit, als dass sich die aufgezeigten technischen Möglichkeiten schon realisieren ließen.

  • Vortrag von Prof. Dr. Jorge Marx Gómez (pdf)


Workshop B: Validität der Daten

Wie generiert man valide Daten und warum ist das wichtig? Sind Testate eine Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit eines Nachhaltigkeitsberichts? Über diese Fragen wurde im Workshop „Validität der Daten“ diskutiert. Kai Michael Beckmann von PricewaterhouseCoopers benannte als drei Herausforderungen für die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten: Effizienz und Effektivität des Datenerhebungsprozesses, Korrektheit der Daten sowie die Einbettung der Datenerhebung in das Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen.

Aus diesen Gründen lasse Axel Springer seinen Nachhaltigkeitsbericht testieren, so Florian Nehm. Die externe Prüfung verbessere die Datenqualität, eröffne interne Zugänge und zeige Lücken auf. Der Aufwand ließe sich durch eine Eingrenzung und Fokussierung des Prüfumfangs begrenzen. Nehm forderte aufgrund der fraglos valideren Daten, im Ranking zwischen testierten und nicht-testierten Berichten stärker zu differenzieren. Christine Schneider von Henkel betonte, dass die Berichtstestierung nicht den ganzen Produktlebenszyklus abdecke und den großen Einfluss von Konsumgütern auf die Gesellschaft nicht berücksichtige. Eine Unterscheidung in testierte und nicht-testierte Berichte sei deshalb nicht zielführend. Sinnvoller sei eine Bewertung der Glaubwürdigkeit der Unternehmensführung.

Einig war man sich in der Diskussion, dass nicht-finanzielle Daten für die Einschätzung der zukünftigen unternehmerischen Entwicklung wichtig und deshalb zunehmend kapitalmarktrelevant seien. Angesichts dieser Entwicklung werden valide Daten unverzichtbar – unabhängig davon, ob eine formale Testierung des Berichts stattfindet oder nicht.


Workshop C: Berichterstattung zum Klimaschutz

Welche Standards haben sich in der Berichterstattung zum Klimaschutz etabliert, wie ist die Güte der „Klimaberichterstattung“ deutscher Unternehmen einzuschätzen und wo liegen die zentralen Möglichkeiten zur Verbesserung?

Susan Dreyer vom Carbon Disclosure Project (CDP) berichtete, dass die Rücklaufquote in Deutschland relativ schwach ist und dass das Supply Chain-Programm des CDP bislang von keinem deutschen Unternehmen genutzt werde. Generell aber sähen die Unternehmen im Klimawandel mehr Chancen als Risiken. Viele hätten ein Reduktionsziel, die Quantifizierung lasse aber noch zu wünschen übrig.

Dr. Cordula Mock-Knoblauch von der BASF führte aus, dass die Berichterstattung zu Scope 1 und Scope 2 gemäß Greenhouse Gas Protocol kein Problem und allgemein akzeptiert sei. Fragen würden sich dagegen beim Umgang mit Scope 3 auftun, wo konkrete Abgrenzungen in der Wertschöpfungskette und damit die Anrechenbarkeit zu Produkten noch nicht standardisiert und allgemein akzeptiert sind.

Auch bei der Berichterstattung zum Klimaschutz stellte sich in der Diskussion die Frage nach der Zielgruppe. Susan Dreyer bestätigte, dass manche Investoren die Inhalte noch immer als fast gänzlich irrelevant einschätzen würden. Für andere gelte das Thema Klimaschutz dagegen als „harter“ Faktor bei der Unternehmensbewertung.

  • Vortrag von Susan Dreyer (pdf)
  • Vortrag von Dr. Cordula Mock-Knoblauch (pdf)


Abschlussdiskussion „Freiwillige Positionierung oder Berichtspflicht“

Eine gesetzliche Berichtspflicht ist umstritten. Was kann sie leisten und was nicht? Auf dem Podium hielten sich Pro und Contra die Waage.

Paul Hell von Transparency International und Volkmar Lübke von Corporate Accountability waren für eine gesetzliche Berichtspflicht, um eine breite Aufmerksamkeit zu erzeugen und auch die nach wie vor große Zahl der Nicht-Berichterstatter zu verpflichten. Joachim Löchte von der RWE AG und im Vorstand von econsense sowie Michael Werner von PricewaterhouseCoopers sprachen sich dagegen aus, um Transparenz als Wettbewerbsvorteil zu erhalten und das durch Vorreiter geschaffene hohe Niveau nicht nach unten zu nivellieren, sprich: keine bürokratische Pflicht ohne großen Nutzen zu schaffen.

Gegen eine weitere Verpflichtung spreche, dass eine gewisse Berichtspflicht bereits über das HGB eingeführt (Bilanzrechtsreformgesetz) sei und mit den Leitlinien der Global Reporting Initiative bereits ein international akzeptierter Standard zur besseren Vergleichbarkeit der Berichte bestehe. Interne Verbesserungswirkungen werden nicht erwartet, eine verpflichtende Berichterstattung würde zu Datensammelstellen verkommen. Folgeprobleme würden sich bei der Umsetzung der erforderlichen Prüfpflicht ergeben. Politische Steuerung solle andere politische Regulierungsansätze als das Wettbewerbsinstrument freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung nutzen.

Das Argument, eine Pflicht führe zu einer Nivellierung nach unten, wollten die NGO-Vertreter nicht gelten lassen: Die Vorreiter könnten schließlich weiterhin freiwillig mehr berichten, wenn sie sich daraus einen Wettbewerbsvorteil versprächen. Aus Sicht von Volkmar Lübke schadet die Freiwilligkeit der gesellschaftlichen Kontrollfunktion der Unternehmen, erforderliche Daten seien verpflichtend zur Verfügung zu stellen. Die Freiwilligkeit hat die Grenze der Mobilisierung erreicht. Wenn Nachhaltigkeit in der Gesellschaft als eigenständiger Wert und nicht allein als Reputationsfaktor aus Unternehmenssicht gelten solle, müsse dies zwingend auf der politischen Ebene durch entsprechende Vorgaben vom Gesetzgeber manifestiert werden.

In der Diskussion wurde betont, dass der Rahmen einer Berichtspflicht zumindest europaweit greifen müsse, eine nationale Regulierung und damit verknüpfte Standards gingen an der Unternehmenspraxis internationaler Konzerne vorbei.

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